Prüfungsangst

Prüfungsangst hat mehrere Wurzeln. Der häufigste Grund besteht darin, daß Elternbindung und innere Unselbständigkeit Angst vor Erfolg bewirken. Unbewußte Schuldgefühle, sich von den Eltern zu lösen, verhindern, daß der Prüfling einen klaren Kopf hat. Harte, herabsetzende Erziehung ist eine weitere Ursache von Versagensangst in der Prüfung. Auch Vernachlässigung und Faulheit bedingen Ängste in Prüfungen. Was ist zu tun?

 

Ursprung und Überwindung

 

Schrumpfen des Selbstvertrauens

Prüfungsangst beginnt damit, daß sich jemand in negative Gedanken über seine Leistungsfähigkeit hineinsteigert: "Ich schaffe es nicht. Ich werde versagen. Ich kann nicht reden, wenn ich gefragt werde. Mir bleiben die Gedanken weg. Ich kann nicht antworten, weil mir sowieso nichts einfällt." Negative Einstellungen verursachen ein Schrumpfen des Selbstvertrauens. Übrig bleibt ein ängstliches angepaßtes Kind-Ich, das immer weniger in der Lage ist, sich seiner Verstandeskräfte zu bedienen. Wie kommen derartig negative Einstellungen zur eigenen intellektuellen Fähigkeit zustande?

Prüfer gleich Vater oder Mutter

Der Prüfer ist Elternfigur. Wenn Vater oder Mutter zu streng gewesen sind, das Kind herabgesetzt haben, sieht der Prüfling später in den Prüfern die strengen Eltern. Er fühlt sich in die Kindheit zurückversetzt, in der er sich ohnmächtig fügen und das Schimpfen aushalten mußte. Auch der Zorn, die Angst und die Ohnmacht überschwemmen in derartigen Augenblicken das Ich und führen zu einem Versagen der Verstandeskräfte. Die von den Eltern vermittelte, vernichtende Selbsteinschätzung "Du kannst nichts. Du bist zu dumm und zu faul zum Lernen", läßt den Prüfling scheitern. Hier gilt es, die alten Konflikte mittels Traumanalyse und Konfliktbearbeitung im Hier und Heute zu bewältigen.

Minderwertigkeitsgefühle

Häufig sind Minderwertigkeitsgefühle, die allein dadurch entstehen, daß jemand keine Erlaubnis von seinen Eltern erhalten hat, erwachsen zu sein. Schreib all Deine Gedanken auf, die Deine Fähigkeiten schmälern. Wende sie ins Aufbauende um. Ohne jede Verneinung, ohne jede Einschränkung durch ein Wort. Bejahe, was Du zuvor an Negativem notiert hast.

Zweifel

Zweifel ist häufig Ausdruck elterlicher, zerstörerischer Beziehungsgewalt. Er führt zu einem mangelnden Selbstvertrauen. Zweifel kann sich dann melden, wenn Reifungsschritte anstehen. Die Zweifel an der Fähigkeit, eine Prüfung zu bestehen, wollen ein erfolgreiches Leben verhindern.

Faulheit und Passivität

Faulheit ist zumeist symbiotisch bedingte Passivität. Sie kann auch aus Trotz entstehen gegen zu strenge, fordernde Eltern. Fehlende Erziehung trägt gleichfalls zur Trägheit und Selbstunsicherheit bei. Der faule Mensch erfüllt seine täglichen Pflichten nicht. Er trödelt und döst vor sich hin. Struktur und Leibesertüchtigung sind ihm zuwider. Der reife, erwachsene Mensch genießt den Wechsel von Aktivität und Passivität. Müßiggang ist für ihn nicht aller Laster Anfang, sondern Quell der Erholung für neue Taten. Der Träge geht gebückt, seine Bewegungen sind ohne Spannkraft. Er erhebt sich müde vom Bett - die Uhr zeigt auf 9 oder 11.00 morgens. Ein ewiger Student sagt:" Das eigentliche Problem ist für mich, daß ich an einer außerordentlichen Unlust leide, die Arbeit zu tun. Jeder Versuch, mich zu überzeugen, scheitert an der Unfähigkeit, das vorgenommene Kapitel überhaupt bearbeiten zu wollen. Sobald der Aktendeckel aufgeschlagen ist, wird der Drang, mich mit etwas anderem zu beschäftigen, unermeßlich. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Meine Gedanken schweifen ständig ab. Dadurch schleichen sich Flüchtigkeitsfehler ein. Statt meine Arbeit zu tun, träume ich oder verpulvere meine Zeit mit unwichtigen Aufgaben."

Prüfungsangst und Lernstörung als Ausdruck von Symbiose und Passivität

Prüfungsangst kann allein für sich auftreten oder mit anderen Ängsten und körperlichen Symptomen vermischt sein. Schauen wir auf die innere Konfliktwelt von Menschen mit Prüfungsangst, so stellen wir fest, daß häufig eine ungelöste Symbiose mit Mutter und Vater eine wesentliche Ursache von Prüfungsangst und Arbeitsstörungen sind. Symbiose geht mit Trennungsangst, Depressivität und Passivität einher. Das Versorgtsein im Elternhaus, die fehlende Verantwortung für das eigene Leben, die erlernte Hilflosigkeit erschüttern das Selbstvertrauen. Das Nichtstun, das Ausweichen in Beschäftigttuerei bewirken, daß die Botschaft der Eltern, sich nicht von ihnen zu lösen, Wirklichkeit wird. Der symbiotische Mensch versinkt im elterlichen Sumpf. Angst umgibt ihn wie Nebel den Wanderer in der Nacht.

Meine Mutter ist ein liebender Tyrann

Ein 25jähriger Verwaltungsbeamter kommt wegen Arbeitsstörungen und Prüfungsangst. Er ist auch unfähig, Entscheidungen zu treffen. Er klagt über depressive Verstimmungen und Unsicherheit. Über seine Mutter sagt er: "Sie war immer schon überfürsorglich, gefühlvoll und kränklich. Vor meinem Vater habe ich mich gefürchtet. Er sagte, wenn wir etwas zusammen machten: 'Du bist blöd!'. Er schrie mich oft an. Ich war und bin immer noch Mutters liebstes Kind. Die Tatsache, daß meine Mutter mich so liebt, lastet in den letzten Jahren sehr auf mir. Mutter fragt oft: 'Hast du Hunger?'. Auch wenn ich ihn verneine, fragt sie: 'Soll ich Dir nicht doch ein Ei braten?' Sie hat die Dinge des Haushalts mit einer liebenden Tyrannei besetzt. Sie findet einfach nicht ihre Grenzen und will sich anscheinend immer mit mir verbinden."

Zerstreutheit ist Konzentration auf das Nächstliegende

Wenn sich jemand von seinen Eltern nicht befreit hat, lebt er im elterlichen Gefängnis. Er ist ständig unbewußt damit beschäftigt, sich aus diesem Käfig zu befreien. Das Gefangenendasein bekommt ihm nicht. Sätze wie: "Ich kann mich nicht konzentrieren, es fällt mir so schwer, ruhig sitzen zu bleiben" zeugen von der Unfreiheit des Getriebenen. Er ist innerlich mit seinen ungelösten, ihn störenden Konflikten beschäftigt. Seine elterlichen, verinnerlichten Stimmen hindern ihn, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Das Sich-Hingeben an eine geistige Tätigkeit ist für den elterlich-gebundenen Menschen oft nicht möglich. Er ist den Eltern hingegeben und eine Erlaubnis zur Ablösung durch erfolgreiche Arbeit besteht nicht. Dieser Konflikt sorgt für Angst, Schuldgefühle, Unruhe, Zerstreutheit und Ablenkungsmanöver. Das Nächstliegende - die ungelöste Bindung an die Eltern - sollte als Erstes in Angriff genommen werden.

Prüfung gleich Reifung

Jede Art von Prüfung stellt eine Reifungssituation dar. In ihr gilt es, sich zu bewähren. Eine der häufigsten Botschaften lautet: "Werd nicht erwachsen! Kind, bleib bei mir!". Diese Botschaft bewirkt, daß jemand seine Prüfungen nicht schafft. Angst, Trennungsangst, Gewissensangst hindern den Prüfling am klaren Denken und am Erfolg. Er scheitert aus Angst erfolgreich zu sein. Den Ablösungskonflikt zu bewältigen und die Autonomie zu stärken, ist Ziel des therapeutischen Vorgehens.

Abwesende Eltern

Wenn beide Eltern arbeiten, der Kinderspielplatz die Tankstelle der Eltern ist, wenn sich kaum einer um das Kind kümmert, dann lernt es nicht, sich seiner Verstandeskräfte zu bedienen, ein gesundes Selbstvertrauen aufzubauen, das sich an den eigenen Kräften und an Vorbildern orientiert. Das Kind bleibt sich selbst überlassen, es fängt an zu träumen. Später lebt der Jugendliche in der Welt des Kindes, auch wenn er den Jahren nach erwachsen ist. Lernen bedeutet, sich auf geschickte Art und Weise eines Stoffes zu bemächtigen. Wird das Kind durch fehlende Zuwendung zu wenig gefördert, so kann sich ein gesundes Vertrauen in die eigenen intellektuellen Fähigkeiten nicht ausbilden. Hier entsteht ein Teufelskreis: Das Kind weiß nicht zu lernen. Sein Zweifel ist berechtigt. Er verstärkt die negative Haltung des Kindes über sich selbst.

Verwöhnung führt zur Anspruchshaltung

Lernstörungen oder Arbeitsstörungen können auch daraus resultieren, daß ein Mensch verwöhnt wurde. Er stellt später hohe Ansprüche an das Leben, die er selber aber nicht erfüllen mag, weil es Anstrengung, Leistung und Konkurrenz mit anderen bedeuten würde. Der Verwöhnte sagt sich, sobald Leistung gefordert ist: "Es hat sowieso keinen Sinn. Das lohnt sich nicht. Was soll ich lernen, wenn ich das später sowieso nicht brauche. Es gibt genügend andere, die auf meinem Gebiet gut genug sind." Grandiosität vermischt mit Minderwertigkeitsgefühlen verstärkt das Nichtstun. Derjenige, der Lernen verweigert, bleibt abhängig von seinen Eltern oder dem Sozialstaat.

Überwinden von Prüfungsangst und Lernstörungen

Es gilt: Üben, üben, üben inmitten eines festen Rahmens in Ort und Zeit. Lobe Dich für kleine Erfolge. Lob stärkt das Selbstbewußtsein. Aktives Wissen ist Voraussetzung für eine gelungene Prüfung. Erst wenn Du über einen genügend großen Wissensschatz verfügst, kannst Du beruhigt und gelassen in eine Prüfung gehen. Es ist kräftezehrend, mehr als sechzig oder neunzig Minuten hintereinander zu lernen. Pausen nach jeder Stunde von ungefähr zehn Minuten Länge, einer viertel- oder halben Stunde sind notwendig zur Entspannung. Das Einhalten von Pausen ist das A und O jeden erfolgreichen Lernens. Der Prüfling soll den Stoff, den er gerade gelernt hat, für sich wiederholen, ohne in den Text zu schauen. Das Erwerben aktiven Wissens durch Sich-Selbst-Abfragen ist wichtig. Nur so entdeckst Du Deine Lücken. Bei Nichtbeantworten mußt Du den Text wiederholen. Dann geht das gleiche Spiel von vorne los: vor sich selbst erzählen, kontrollieren und verbessern. Bis der Text sitzt. Dann kommt das nächste Kapitel. Lobe Dich.

Pause ist wichtig

Die Angst, in einer Prüfung zu versagen, führt bei einigen dazu, daß sie mehr als normal lernen. Sie kehren sich vom Leben ab in der Angst, etwas vom Lernstoff zu verpassen. Es ist vorübergehend möglich, acht oder gar zehn Stunden täglich zu lernen, jedoch nicht auf Dauer. Jeder Mensch braucht den Wechsel - die Erholung durch Freude oder Nichtstun. Übermäßige Arbeit führt zu depressiven Verstimmungen, die Lebenskräfte versiegen. Der Lernende braucht Pause und Erholung. Der Abend gehört dem Vergnügen.

Ziel

Die Lösung des Autoritätskonfliktes, die Überwindung der krankmachenden Symbiose mit den Eltern, das Stärken des Selbstvertrauens und das Erlernen eines strukturierten Arbeitsverhaltens sind Ziele der Therapie.

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