Träume fordern uns heraus

 

Lerne Deine Träume verstehen.

 

Dr. Flöttmann berichtet:

Im Alter von 14 Jahren entdeckte ich im Bücherschrank meines Vaters Freuds Traumdeutung. Ich verschlang das Buch innerhalb von 2 Wochen hinter zugezogenen Gardinen. Ich hatte kaum noch Ohren und Sinne für andere Dinge. Was faszinierte mich an dem Buch über Träume so sehr? Meine Träume waren mit dem Verlassen der Kindheit und dem Aufbruch in das Erwachsenenalter konfliktreicher und tiefgründiger geworden. Freud gab mir den Schlüssel, der meine innere Welt und die mir fremde Traumsprache zu verstehen half.

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Traum von der Einengung: "Draußen leben und spielen die Anderen."

Seit über 40 Jahren beschäftige ich mich mit der Traumanalyse, stets entdecke ich neue, bisher nicht veröffentlichte Traumsymbole. Seit 1984 setze ich mich wissenschaftlich mit den Träumen meiner Patienten auseinander, ordne die Träume und speise sie in einen Rechner ein. Dieser ermöglicht mir, Träume auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen. Wie gehe ich bei der Erforschung von Traumsymbolen vor?

Die Sprache der Träume

Wir haben große Mühe, die Welt der Träume zu verstehen, weil ihre Sprache vorwiegend aus Bildern und Symbolen besteht. Träume sind gestalthaft statt logisch aufgebaut, ihr gedanklicher Ablauf ist sprunghaft, scheinbar widersprüchlich und voller Gegensätze. Die Sprache der Träume zu entschlüsseln, erfordert Erfahrung, Wissen und Begabung.

Das unbekannte Traumsymbol

Wenn das Symbol Schnee meine Neugier weckt und mir seine Bedeutung noch nicht bekannt ist, lasse ich 20.405 Träume auf den Begriff Schnee untersuchen. Hierzu gehören auch sinnverwandte Worte wie verschneit, Schneelandschaft, Schneegestöber oder Schneesturm. 248 Träume mit dem Symbol Schnee hat der Rechner gefunden.

 

Die Lebensläufe von vielen Patienten sind mir gegenwärtig, so daß ich zwischen ihnen und den Träumen Verbindungen knüpfen kann. Wenn der vorliegende Traum insgesamt sexuellen Inhalts ist und das Symbol Schnee hier eine geschlechtliche Deutung sinnvoll erscheinen läßt, verdichtet sich der sexuelle Gehalt des Traumsymbols Schnee. Einige sexuelle Träume sind so klar in ihrer Aussage, daß an der vermuteten Symbolik kein Zweifel besteht. Ob das für den jeweiligen Traum zutrifft, muß immer wieder geprüft werden. Schnee kann nämlich auch für emotionale Kälte, Depression oder aber für das Wiedererleben eines schönen Naturerlebnisses im Winter stehen. Hierzu ein Beispiel:

Eine tote Frau im Schnee

Eine 28jährige Verwaltungsbeamtin leidet unter Beziehungsschwierigkeiten mit Männern, vor allem auf sexuellem Gebiet. Sie ist in der Jugend 10 Jahre lang von ihrem Vater mißbraucht worden. In der Therapie lernt sie, ihre Angst vor Sexualität zu überwinden, auch ihre Angst, sich abzugrenzen und sich Wünsche zu erfüllen. Den Kontakt zu ihren Eltern schränkt sie weitgehend ein. Sie hat den Mut, sich Männern zu nähern, auch sexuelle Beziehungen mit ihnen einzugehen. In viereinhalb Jahren erinnert sie 300 Träume, von denen viele ihre Gefühlsblockaden zum Inhalt haben. Sie erzählt 7 Träume, in denen das Traumsymbol Schnee auftaucht. Zu Beginn ihrer Therapie träumt sie:

 

"Ich bekomme eine Ansichtskarte beim Aufräumen in die Hand. Es zeigt eine Berglandschaft im Winter mit viel Schnee. Auf einem Berg im Wald steht ein großes Haus. Es sind Ski-Abfahrt-Spuren zu sehen, die am Haus weit hinten anfangen und dann ins Tal hinabfahren. Ich verfolgte die Spuren. Sie enden ganz im Vordergrund der Karte: dort liegt eine Frau im Schnee, die anscheinend tot ist. Sie ist den Berg hinaufgegangen. Ihre Füße sind mit Blut rot gefärbt. Ich erschrecke mich darüber. Ich drehe die Postkarte um, dort hat tatsächlich jemand über den Unfall ihrer Tochter berichtet. Ich mag diese Postkarte nicht weiter anschauen, auch den Text kann ich nicht weiter lesen."

Die wichtigste Frage zu einem Traum heißt: "Was will der Traum mir sagen zu meiner jetzigen Lebenssituation?" Da die Patientin aus mangelnder Erfahrung heraus zu dem Traumsymbol Schnee, welches hier im Vordergrund steht, wenig sagen konnte, gebe ich hier selbst die Deutung des Traumes:

 

Die Seele der Träumerin ist in Unordnung geraten. Daher will sie aufräumen. Hierbei fällt ihr eine Ansichtskarte in die Hand mit einer Landschaft, die Botschaften über den Zustand ihrer Seele offenbart. Die Berge symbolisieren hier die Bedeutungslandschaft des weiblichen Körpers, der über und über mit Schnee, dem Sperma des Mißbrauchers, bedeckt ist. Die Spuren des sexuellen Mißbrauchs sind auf ihrer Seele - der Landschaft - zu erkennen, sie reichen weit und tief. Bei der Spurensuche findet sie eine blutende Frau, die sie selbst verkörpert. Der sexuelle Mißbrauch hat sie tief verletzt, wie ihre Bewegungslosigkeit und das Blut an den Füßen zeigen. Im Moment mag sie sich nicht weiter mit dieser Problematik und der Befreiung von den Folgen des Mißbrauchs auseinandersetzen, so sehr belasten sie die noch unbewußten Schuldgefühle und Ängste. Sie wird es lernen, Spaß und Freude am Sex zu haben, im Traum selbstbewußt Ski zu fahren und das Schneegestöber - den Sex - zu genießen.

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"Alles bricht aus mir heraus."
 

Wie gehe ich an einen Traum heran?

Es ist wichtig, die Grundhandlung eines Traumes nachzuvollziehen, sich nicht in Einzelheiten zu verlieren. Die Fragen hierzu lauten: "Welches ist die Hauptaussage des Traumes? Woraus besteht seine Handlungslinie?" Man darf nicht alles entschlüsseln wollen. Die Frage: "Was ist das Gute an dem Traum?" stelle ich dann, wenn der Patient dazu neigt, seine Träume herabzuwürdigen und eine sich anbahnende Entwicklung zu verleugnen.

 

Eine bekannte Traumdeuterin erzählte mir: "Ich finde es am schönsten, wenn ich mit meinem Mann beim Frühstück sitze und wir uns gegenseitig unsere Träume erzählen. Ich bin immer wieder überrascht, wie oft wir mit unseren eigenen Deutungen falsch liegen. Mein Mann weiß aber meistens eine treffende Bemerkung zu meinen Träumen. Das hilft mir oft weiter. Wenn ein Patient mir einen Traum erzählt, achte ich auf seine Mimik. Ich stelle mich ganz auf seine Situation und auf seine Erzählung ein. Ich frage ihn, wie es ihm geht, was ihm zu seinem Traum selber einfällt."

 

Das Erspüren, Erahnen und Erfassen möglichst vieler Informationen, die der Träumer mitteilt, ist ein teilweise unbewußter Vorgang, den wir Empathie nennen. Es handelt sich um die Fähigkeit, den anderen in seiner Gesamtwelt zu verstehen und sich in ihn mit all seinen Sinnen hineinzufühlen."

Die richtige Deutung

Im Gegensatz zur reinen Lehre der Psychoanalyse hat es sich als sinnvoll erwiesen, das Wissen und die Deutung des erfahrenen Traumtherapeuten mehr in den Vordergrund zu stellen. Die Deutung des Träumers ist mit einzubeziehen. Auf Grund von Verdrängungsmechanismen oder der blinden Flecken ist die Interpretation des Träumers zu überprüfen. Ein Traum ist in der Regel richtig gedeutet, wenn der Träumer sich angenommen fühlt und vor allem, wenn die Deutung ihn weiterbringt.

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"Meine Ängste, mein Leben, lodern aus mir heraus."

Vom Umgang mit Träumen

Aufschreiben der Träume

Das Aufschreiben der Träume legt den Grundstein für Entwicklung und Ernstnehmen der inneren Welt. Das Niederschreiben und das schriftliche Bemühen um eine Deutung fördern die Einsicht und die Heilung.

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Traum vom Wurm im Apfel: "Ich ekle mich vor dem Wurm."

Malen der Träume

Ich lasse die Patienten auch ihre Träume malen. Sie beschäftigen sich auf diese Weise mit dem Thema, bringen es von innen nach außen und identifizieren sich während des Malens mit den Traumfiguren. Das Malen fördert auch das Selbstbewußtsein und die Freude am Leben.

Ein Haifisch beißt an

Ein 28 Jahre alter Schiffsbauer wird von seinem Hausarzt überwiesen, da er an einer Angstsymptomatik leidet. Er lebt noch zu Hause bei seinen Eltern. Kontakt zu Frauen meidet er. Zu Beginn seiner Therapie träumt er: "Ich angle auf der Ostsee, doch es beißt kein Fisch an. Plötzlich kommt ein Haifisch und reißt meine Angel mit fort."

 

Der Schiffsbauer will etwas für sich aus der Tiefe des Unbewußten, des Lebens, holen. Er sucht sein männliches aggressives Selbst, seine Sexualität, die sich in Form eines Fisches darstellen oder eine Freundin - einen Backfisch. Bevor er sich jedoch diese Wünsche erfüllen kann, muß er sich mit seinem grenzverletzenden Vater auseinandersetzen und selber so zubeißen lernen wie der Haifisch.

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Traum vom Haifisch: "Plötzlich hatte ich furchtbare Angst."

Träume verändern sich

Die Entwicklung eines Menschen zeigt sich auch in der Veränderung seiner Träume. Besonders wenn es sich um tief unbewußte, symbiotische Zustände handelt, sind die Träume zu Beginn der Therapie oft so unklar wie die Seele und die Augen des Träumers. Während die ersten Träume nicht selten von einer tiefen, oft schwer verständlichen Symbolik sind, klärt sich das Traumgeschehen mit zunehmendem therapeutischen Erfolg auf. Die Träume werden strukturierter und konkreter.

Wobei uns Träume helfen

Träume und Hausaufgaben

Aus den Träumen ergeben sich Verhaltensmaßnahmen oder Hausaufgaben wie:

Was ist so faszinierend an Träumen?

Von der Wahrheit der Träume

Daß Träume innere Gesetze und Konflikte aufzeigen, mag manchem eine unbequeme Wahrheit sein. Träume sprechen von Treue, von gehemmter Sexualität, aber auch vom treulosen Fremdgehen und Zügellosigkeit. Träume sind Wegweiser, deren man sich bedienen kann. Um sie zu verstehen, brauchen wir den Drang zur Wahrheit und den Mut, sich einen Spiegel vor Augen zu halten. Träume fordern uns heraus, das "Erkenne Dich selbst" täglich zu üben und uns entsprechend der Erkenntnis zu ändern. Bei der Erforschung der eigenen Träume ist das Werk von Dr. Flöttmann "Träume zeigen neue Wege - Systematik der Traumsymbole", erschienen im Kohlhammer Verlag, eine große Hilfe. Hier hat der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin aus Kiel 667 Traumsymbole in 17050 Träumen untersucht. Siehe auch Buchbesprechung in diesem Heft.

Erschienen im: Heilpraxis Magazin - Die medizinische Fachzeitschrift für Naturheilkunde, Nr. 09/2001, September 2001, ISSN 0177-8617, S. 14-18

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